Wenn „Bollywood-Reggae“ den Sonnenaufgang versüßt

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Eine melodische Begegnung rund um Sri Lankas Pilgerberg

Ich lehne mich im Tuk Tuk zurück und lausche melodischen Klängen aus den Lautsprechern hinter mir, die fröhliche Inselrhythmen über die Teelandschaft schicken. Ich atme tief ein und genieße. Dann dreht sich mein Tuk-Tuk-Fahrer um, grinst mich an. „Und, was hältst du von der Musik?“, fragt er mich auf Englisch. „Sehr gut! Eine perfekte Mischung aus Reggae und Bollywood“, antworte ich. Er lacht laut auf, wirft mir ein breites Lächeln über die Schulter zu. Eine typische Geste meines neuen Bekannten. Er – und insbesondere seine Musikbegeisterung – werden mich noch unerwartet lange durch Sri Lanka begleiten…

Doch zurück zum Anfang: Ich bin auf meiner ersten Reise durch Sri Lanka. Meine kleine Reisegruppe und ich haben uns zu diesem Zeitpunkt bereits vom weichen Gefühl des Sandes zwischen den Zehen verabschiedet – und auch von unserer Gastmutter im Homestay, die sich selbst liebevoll „Mammi“ nannte. Den Vormittag über haben wir nun unsere Nasen durch die offene Zugtür gereckt, als sich die bunten Wagons durch eine fast surreale Welt aus grünem Tee schlängelten.

In Hatton wollen wir nun das Tuckern des Zuges gegen das Knattern der Tuk Tuks eintauschen: Es geht durch eine besondere Region des Zentralen Hochlandes, wo sich hinter den geschwungenen Teehügeln langsam die ersten höheren Berge ankündigen. Einer dieser steinernen Giganten ist mein heutiges Ziel: Adam’s Peak, der wohl heiligste Berg der Insel. Dort, wo der Legende nach die Schmetterlinge zum Sterben hinfliegen. Der Ort, an dem Adam einst den Blick ins Paradies erhascht haben soll. Unbemerkt hinterließ er dabei der Geschichte nach einen Fußabdruck am Gipfel. Oder stammt dieser von Buddha, wie die Buddhisten sagen, oder doch von Shiva, wie die Hindus glauben? Vielleicht erkenne ich es ja, wenn ich in der Nacht den Gipfel erklommen habe. Ein sagenumwobener, wortwörtlicher Höhepunkt meiner Reise steht bevor…

Wir springen also in Hatton aus dem Zug. Wie bunte Perlen auf einer Kette sind dort schon die kleinen Tuk Tuks aufgereiht. Sofort fällt mir ein Fahrer ins Auge, der mit zufriedenem Lächeln an seinem roten Gefährt lehnt. Ehe ich mich versehe sinke ich schon in die weiche Polsterung seiner Sitze. Der Motor knattert los und schnell verschwimmen die bunten Plakate der kleinen Stadt im Fahrtwind zu einem Strudel aus Farben…

Mein Fahrer stellt sich als Sisira aus dem Süden der Insel vor. Nur ein, zwei Nachfragen reichen aus und schon sind wir mitten in seiner Lebensgeschichte: Eine Geschichte geprägt vom Tsunami, seiner Angst vor dem Meer, seinem Umzug ins Hochland, seiner lebhaften Begeisterung für Sri Lankas Naturlandschaften und für den Pilgerberg… Es scheint, je weiter wir uns von den Menschenmengen von Hatton entfernen, desto intensiver werden unsere Gespräche. Als sich ein Panoramablick auf einen enormen See auftut, stoppt er sein Gefährt abrupt und blickt über die Schulter. „Weißt du, was für mich das wahre Glück ist?“ Ich blicke ihn verwirrt an. „Pass auf, ich zeige es dir!“ Völlig unerwartet kniet er sich jetzt neben sein Tuk Tuk und schon verschwindet sein Kopf unter den drei Rädern. Auf sein Bitten reiche ich ihm seinen Schraubenschlüssel. Jetzt ist meine Neugier geweckt. Dann blickt er unter dem Gefährt hervor. Ein schelmisches Lachen blitzt aus seinen Augen. Er reicht mir eine Fernbedienung, ich drücke auf „Play“: Unvermittelt schickt uns sein kleines Mini-Taxi die ersten fröhlichen Melodien entgegen. „Fahrtwind in den Haaren, sri-lankische Baila-Musik in den Ohren und das Grün des Tees um uns herum: Gibt es etwas Schöneres?“, fragt er. „Nur die Polizei sieht die Musikanlage nicht gern, deshalb schließe ich sie immer nur heimlich an. Dann wenn ich allein unterwegs bin. Oder ausnahmsweise einmal jetzt mit dir…“ Mit diesen Worten schwingt er sich lachend zurück ans Steuer. Ich amüsiere mich über seine kindliche Freude und probiere es selbst einmal aus – und tatsächlich: Ich lehne mich im Tuk Tuk zurück, spüre den Fahrtwind auf der Haut. Sanft brummt der Bass aus den Lautsprechern hinter mir. Man kann nicht anders, als mitzusummen. Ich weiß jetzt genau, was Sisira meint: So fühlt sich also das wahre Glück an: Mit „Bollywood-Reggae“ im Tuk Tuk durch diese Traumlandschaft fahren…

Wir bringen das rollende Musikgerät an einem Hindu-Tempel und einem traumhaften Wasserfall wieder zum Schweigen. Zusammen spazieren wir durch die immergrüne Pracht der Teelandschaft, bevor Sisira mit einer schiefen Gesangseinlage ein paar Teefrauen zum Lachen bringt. Immer wieder klickt meine Kamera. Als sich langsam die Dämmerung um unser Tuk Tuk schmiegt, erkennen wir die ersten Abendlichter des Pilgerdorfes in der Ferne. Viel zu schnell ist die Zeit verflogen. Mit einem Nachhall verklingen die letzten Töne hinter uns. Die Stille der Abendstimmung umfängt uns. Es scheint die Zeit gekommen, um Abschied von meinem neuen Bekannten zu nehmen.

So dachte ich zumindest.

Ein paar Stunden später: Es ist 2 Uhr morgens. Ich blicke nach unten auf den schwach beleuchteten Weg. Bald erscheint die erste Treppenstufe des Pilgerberges vor mir: Der erste Schritt meiner Pilgerwanderung, dem tausende weitere zum Gipfel des Schmetterlingsberges folgen. Der bevorstehende Sonnenaufgang am Gipfel motiviert mich. Ich blicke hoch und dort steht er, lässig ans Geländer gelehnt. „Unsere Musik hat noch lange nicht ausgespielt, Anna“, singt Sisira mir entgegen und lacht. Er erklärt, dass er einmal im Jahr selbst den Pilgerberg besteige. Dafür suche er sich immer einen seiner Gäste aus, die er besonders sympathisch findet. Und dieses Jahr sei die Wahl eben auf mich gefallen.

Und so lauschen wir nun gemeinsam ganz anderen Melodien aus Lautsprechern über uns: dem tiefen Gebetsgesang der Mönche, der uns über die ersten, anstrengenden Stufen am Fuße des Berges hilft. Ich konzentriere mich auf die gemurmelten Gebete von den Lippen der Pilger, um die religiöse Stimmung in mich aufzunehmen. Später übersetzt mir Sisira die Gebete bei einer Pause mit dampfendem Tee im Licht der Fackeln. Der Gipfel nähert sich. Zusammen freuen wir uns, als ich erstmals den weiß leuchtenden Tempel mit dem Fußabdruck entdecke. Es ist geschafft!

Hunderte Pilger scharen sich am Gipfel um uns. Alle blicken in eine Richtung und warten. Noch verhüllt die Nacht die Umgebung in ihrem schwarzen Vorhang. Dann recken sich Köpfe, Finger deuten. Der erste Lichtstrahl des Tages bricht hinter einer Bergkuppe hervor. Innerhalb von Minuten verwandelt sich das Schwarz der Nacht in ein rosa getünchtes Panorama aus Bergen und Seen. Völlig versunken genießen wir schweigend, wie die Morgensonne nach und nach mehr Details in die Landschaft malt.

Dann tippt Sisira auf meine Schulter und deutet in die Ferne: Als ich seinem Blick folge, lichtet sich der Nebel über einem grünlichen Meer aus Teepflanzen. „Und weißt du was jetzt zum wahren Glück noch fehlt? Eine perfekte Mischung aus Reggae und Bollywood“, flüstert er. Leise dringt eine schief gesungene Baila-Melodie in mein Ohr. Ich lache laut los. Doch wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, klingen diese schiefen Töne wie Musik in meinen Ohren – und das herzliche Lachen wirkt wie die Titelmelodie meiner Sri Lanka Reise…

Eine Geschichte nach dem Erlebnis von Anna Dütsch (a&e erlebnis:reisen) 

Fotos: a&e erlebnis:reisen, Anna Dütsch, Andreas Stephan, Iryna Rasko & Rawpixelimages von Dreamstime.com