Vientiane: Die Hauptstadt der etwas anderen Art

Vientiane ist die Hauptstadt von Laos. Das würde man auf den ersten Blick gar nicht vermuten. Motorroller und Hühner teilen sich die staubigen Straßen, abenteuerlich konstruierte Telefonleitungen ragen in den Himmel und generell ist das Leben hier ziemlich locker und entspannt. Vientiane ist der Gegenentwurf zu großen Metropolen wie Bangkok oder Hanoi.

Und genau das macht den Charme Vientianes aus! Die Hauptstadt begeistert mit Authentizität, mit quirligen Märkten, skurrilen Museen, kleinen Holzhäusern, dampfenden Garküchen und vor allem mit stets freundlichen und immer lächelnden Menschen. Sie begeistert aber auch mit wunderschön restaurierten Tempeln, prunkvollen Kolonialvillen und dem majestätischen Mekong, der sich fast sinnbildlich an Vientiane schmiegt.

Zweifellos schießen seit einigen Jahren auch in Vientiane Luxushotels, Einkaufszentren und Bürokomplexe aus dem Boden. Fast-Food- und Kaffeeketten haben längst ihren Weg in das Straßenbild gefunden. Den Dorfcharakter hat die 500.000 Einwohner starke Hauptstadt aber noch nicht ganz abschütteln können.

Vientiane: Die Geschichte eines außergewöhnlichen Namens

Vientiane hieß nicht immer so. Der ursprüngliche laotische Name lautet Vieng Chan, der sich unterschiedlich übersetzen lässt. „Stadt des Sandelholzes“ spielt auf die ehemals großen Befestigungsanlagen der Stadt an. „Chan“ bedeutet Mond, deswegen ist Vientiane auch als „Stadt des Mondes“ bekannt. Wie wurde aus Vieng Chan also Vientiane?

Um diese Frage zu beantworten, spulen wir die Geschichte der Stadt im Schnelldurchlauf vor (Eroberungen verschiedener asiatischer Völker, Blütezeiten, Plünderungen) und setzen Ende des 19. Jahrhunderts ein, als französische Invasoren in Indochina eintrafen und die Region kolonialisierten. Zu diesem Zeitpunkt war Vieng Chan ein Schatten seiner prunkvollen selbst. Die Natur hatte sich ihren Weg in die Stadt zurückgebannt, ehemals prachtvolle Bauwerke waren dem Verfall überlassen.

Frankreich ernannte die laotische Hauptstadt zum kolonialen Verwaltungssitz und „vereinfachte“ die Schreibweise und Aussprache des Namens. Aus Vieng Chan wurde Vientiane. Die Kolonialmacht investierte in Infrastruktur und Restaurierung. Natürlich nicht ohne der asiatischen Stadt ihren eigenen architektonischen Stempel aufzudrücken.

Nach dem zweiten Weltkrieg bröckelte die Macht der Franzosen in Laos, die schließlich 1954 im Indochinakrieg geschlagen wurden. Daraufhin erklärte Laos seine Unabhängigkeit. Den außergewöhnlichen Namen aber behielt Vientiane.

Die nächste Invasion ließ nicht lange auf sich warten. Die USA nutze Vientiane als verdeckten, strategischen Stützpunkt für ihren Kampf gegen den Kommunismus. Parallel zum Vietnamkrieg brach in Laos Bürgerkrieg aus. 1975 übernahm die kommunistische Bewegung Pathet Lao die Macht und baute das Land nach sozialistischem Maßstab um. Inzwischen ist Laos zur Liberalisierung des Marktes und dem Ausbau internationaler Beziehungen zurückgekehrt.

Ein Tag in Vientiane: Tuk Tuks, Tempel und Triumphbögen

Das wohl beste Fortbewegungsmittel für eine Entdeckungstour in Vientiane ist das Tuk Tuk, ein buntes Taxi-Dreirad, das einen zielsicher von A nach B bringt und dabei eine echt asiatische Angelegenheit ist. Früh aufstehen lohnt sich, denn schon vor Sonnenaufgang wartet das erste Erlebnis.

Ein dezenter aber bestimmter Gongschlag lockt allmorgendlich dutzende in Orange gekleidete Mönche zum buddhistischen Stupa That Luang, dem Nationalsymbol Laos. Die Mönche bewegen sich in einer Art Prozession durch die kleinen Straßen und staubigen Gassen entlang rustikaler Holzhäuser und kleiner Gärten.

Entlang ihres Weges warten Frauen in traditionellen, langen Röcken und reichen ihnen Tüten mit Bananen, Teller mit getrocknetem Fisch und Körbe voll Reis. Die „Speisung der Mönche“ auf ihrem Weg zur Stupa ist ein festes Ritual buddhistischer Kultur, nicht nur in Laos. Wohltätigkeit wirkt sich positiv auf das Karma aus. Deshalb fallen die Spenden üppig aus, auch wenn der Lebensstandard bescheiden ist.

That Luang: Der ganze Stolz Laos

Die Mönche erreichen ihr Ziel und versammeln sich am 45 Meter hohen vergoldeten Stupa aus dem 16. Jahrhundert. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Stelle, auf dem der buddhistische Kultbau errichtet worden ist. Hier soll der Aufbewahrungsort einer Reliquie Buddhas gewesen sein, die indische Missionare an den Mekong brachten. Eine andere Legende sagt, dass zwei Nagas, mythologische Schlangenwesen, an diesem Ort residiert haben sollen. Fest steht, heute steht hier das bedeutendste Gebäude Laos, heilige Stätte und Nationalsymbol. Und es ist wahrlich spektakulär!

Der Bau des That Luang wurde 1566 fertiggestellt, nachdem Vientiane Hauptstadt des laotischen Königreiches wurde.

Siamesische Eroberungen, Plünderungen und ein Blitzschlag im Jahr 1828 setzten dem prächtigen Bauwerk zu. Erst im Auftrag der französischen Kolonialregierung wurde der Stupa restauriert und originalgetreu wiederaufgebaut.

Der Stupa steht auf drei Terrassenebenen, die von großen stilisierten Lotusblüten gestützt werden. 30 kleine Stupas „bewachen“ den großen Hauptstupa, auf dessen Spitze eine stilisierte Bananenblüte thront. Das viele Gold des Stupas sorgt für einen berauschenden Anblick und lässt verstehen, warum That Luang so bedeutend für die Laoten ist.

Patuxai: Das Denkmal der vielen Namen

Das Tuk Tuk lässt That Lung hinter sich und hält sich südwestlich. Mitten im Straßenverkehr erreicht man eigentlich auch schon das nächstes Ziel. Die asiatische Version des Pariser Triumphbogens steht mitten in einem belebten Kreisverkehr und ist (dennoch) eine der imposantesten Sehenswürdigkeiten Vientianes.

Das 49 Meter hohe, quadratische Denkmal kann auf jeder Seite durch einen großen, verzierten Torbogen betreten werden. Insgesamt sieben Etagen beherbergen Verwaltungsbüros, Touristengeschäfte und ein Museum über laotische Helden. Je höher man steigt, desto schöner ist der Ausblick über die ganze Stadt. Eine gepflegte Gartenanlage mit Springbrunnen umgibt das Denkmal auf dem zugegebenermaßen sehr großen Kreisel und lädt zum Entspannen ein.

Ironischerweise entstand das Denkmal nicht während der französischen Kolonialzeit, auch wenn man das rein optisch annehmen könnte. Das „Monument Aux Morts“ wurde zwischen 1957 und 1968 nach Plänen eines laotischen Architekten zu Ehren der Gefallenen im Indochinakrieg und als Symbol der Unabhängigkeit von Frankreich erbaut.

Die lange Bauphase lässt sich nicht zuletzt auf einen Mangel an Baumaterialien zurückführen. Gerüchten zufolge wurde der Triumphbogen letztendlich mit US-amerikanischen Zement errichtet, der für den Ausbau eines Flughafens bestimmt war. Daher der kuriose Spitzname „Vertikale Landebahn“.

Selbst eine Tafel am Südeingang schimpft das Denkmal „Betonmonstrum“. Dank der fünf Zuckerbäckertürmchen, Deckenmalereien und mythologischer Skulpturen ist es allerdings ein sehr schönes Betonmonstrum. Die fünf Türme stehen übrigens für fünf Maxime internationalen Zusammenlebens, die da wären Freundlichkeit, Flexibilität, Ehrlichkeit, Würde und Wohlstand.

1975 wurde das Denkmal unter Pathet Lao umbenannt beziehungsweise „entnannt“. Fortan hieß es nur „Anousavali“, schlicht „Denkmal“. 20 Jahre später erhielt es wiederum einen neuen Namen: „Patuxai“ („Siegestor“). Seitdem ist es hinsichtlich der kommunistischen Machtübernahme „den Helden des 23. August 1975“ gewidmet.

Eine fruchtige Erfrischung für Zwischendurch

In Vientiane ist die kulinarische Auswahl so groß wie in keiner anderen Stadt in Laos. Typisch laotische Gerichte wie „Tam Mak-Hung“ (Salat aus grünen Papayas), „Larb“ (Hackfleischsalat) oder „Ping Kai“ (gegrilltes Hühnchen) werden auf zahlreichen Märkten, in Lokalen und an Essensständen und Garküchen angeboten und sind ziemlich schmackhaft.

Bei 30°C im Schatten schmeckt ein frischer Obstshake aber immer noch am allerbesten und gibt den nötigen Kick für das restliche Tagesprogramm. An einem Obststand am Straßenrand kann man einen frisch gepressten, eisgekühlten Saft für wenig Geld erwerben. Nach dieser wohltuenden und wohlverdienten Erfrischung geht es auch schon weiter.

Wat Sisaket: Ein Buddha jagt den nächsten

Das Tuk Tuk fährt die Xang-Prachtstraße in südlicher Richtung entlang, vorbei an That Dam, dem sehr alten, „schwarzen Stupa“. In der Nähe des Mekong Ufers, unweit des Präsidentenpalastes wartet das buddhistische Kloster Wat Sisaket und mit ihm tausende Buddhastatuen und -figuren auf einen Besuch. Wenn das mal kein Empfangskomitee ist!

Das Wat Sisaket ist das älteste erhaltene Kloster Laos und, so sagen viele, auch das schönste. Es wurde 1818 erbaut und mutet architektonisch eher siamesischer denn laotischer Baukunst an. Dies mag ein Grund gewesen sein, warum siamesische Belagerer 1827 das Kloster vor Zerstörung bewahrten (anders als viele andere Gebäude Vientianes) und als Truppenlager nutzen.

Der quadratische Wandelgang, der das Klostergebäude umgibt, beherbergt Buddhabildnisse aus Bronze, Keramik, Stein, Metall und Holz, die zum größten Teil aus zerstörten oder verfallenen Tempeln und Klosteranlagen des Landes stammen. In Wat Sisaket finden sie eine zweite Heimat.

Sonnenuntergang über dem Mekong

Zum Ausklang des Tages lohnt ein Abstecher zum Mekong, der „Lebensader Asiens“. Der Sonnenuntergang am Ufer ist eine Augenweide und krönt den Besuch dieser Stadt, die auf den ersten Blick so anders ist als andere Hauptstädte Südostasiens. Auf den zweiten Blick aber ist Vientiane eine würdige Vertreterin dieses Titels!