Guoyu – eine fremde Welt

feel China

Erlebnisse abseits der Touristenpfade in Shanxi

Qing jin! Qing jin!“ ruft mir die alte Frau Chen lachend zu. Damit bittet sie mich hinein in ihr Zimmer. Ich soll es mir gerne anschauen. Sie ist ganz stolz auf ihr ordentliches Zimmer mit dem großen Kang-Bett. Ich trete zögernd ein, habe ein wenig das Gefühl, in eine fremde Welt einzudringen, eine Privatsphäre zu verletzen. Dies ist also das Zimmer, in dem Frau Chen wohnt, schläft, isst und Fernsehen guckt. Doch, nein! Essen tut sie in der Regel zusammen mit den anderen Mitgliedern ihrer großen Familie. Gemeinsam bewohnen sie einen Wohnhof in dem kleinen Dorf Guoyu. „Unser Wohnhof ist über 400 Jahre alt!“ erklärt sie stolz und deutet auf den Balkon, der über dem Hof hängt.

Dunkle Balken biegen sich, alte geschnitzte Verzierungen sind schwach unter dem Staub der Jahrhunderte zu erkennen. Ich bin beeindruckt. Doch gleichzeitig hoffe ich darauf, dass mich Frau Chen nicht hinauf bittet zur näheren Betrachtung des Balkons. Der macht mir doch einen etwas baufälligen Eindruck.

Der Hof mit seinen liebevoll gepflegten Blumen und einigen Knoblauchpflanzen wirkt gemütlich. 400 Jahre alt und die Menschen scheinen noch fast genauso zu leben wie ihre Vorfahren. Ein Fernseher an der Wand und einige tiefhängende Kabel zeugen davon, dass die Neuzeit eingezogen ist. Frau Chen beobachtet mich lächelnd und freut sich über ein paar anerkennende Worte auf Chinesisch von mir. Wie bin ich nur hierher gekommen? In diese doch so fremde Welt. Welches Tor habe ich durchschritten, um plötzlich um einige Hundert Jahre in der Geschichte zurück versetzt zu sein?

Guoyu liegt im Süden der chinesischen Provinz Shanxi. Ein Dorf, an dem die Neuzeit vorübergegangen zu sein scheint.

Wir, eine Gruppe von China-Spezialisten deutscher Reiseveranstalter, kommen vom Norden. Auf der modernen Autobahn sind wir von dem Gelben Fluss nach Süden gefahren. Wahnsinn, wie modern und gut die Autobahn ist! Weit entfernt die Zeit, als es hier nur Landstraßen gab. Noch weiter entfernt die Zeit, als Premierminister Chen im 18. Jahrhundert hier seinen Wohnsitz errichtete. Ganz in seinem Sinn die Abgeschiedenheit dieser Landschaft. Weit weg von der Kontrolle durch den Kaiser Kangxi. Aber doch in einer Gegend, die regelmäßig von wilden Räuberhorden durchzogen wurden.

Noch sind wir auf dem modernen Highway, fahren vorbei an terrassierten Hügeln, deren gelbe Lösserde manchmal von tiefen Canyons durchzogen ist. Die Erde ist gelb, weich und fruchtbar. Der Gelbe Fluss ist nicht weit und erhält von diesen Böden seine Farbe und den Namen. Die Dörfer und Kleinstädte, die wir vom Bus aus sehen wirken ganz modern, Manch ein Ort hat sich surreal wirkende Hochhäuser geleistet.

Schließlich biegen wir von der Autobahn ab. Auch die Landstraße ist neu und schnell zu befahren. Schon die zahlreichen Wegweiser beweisen, dass wir uns in geschichtsträchtiger Gegend befinden, die sich gerade erst dem Tourismus öffnet. Nicht nur der Premierminister hatte sich im 18. Jahrhundert hier niedergelassen. Auch andere reiche Männer fanden die Umgebung so gut, dass sie in diesen schmalen Tälern siedelten. Jeder hat dann seinen Wohnsitz mit einer wehrhaften Mauer umgeben und einen Turm hineingebaut, in den man im Notfall fliehen konnte. Dort war man sicher, unerreichbar für Räuber und andere Strolche. 

Natürlich sehen wir uns den Wohnsitz des Premierministers an, wo seine Nachkommen noch bis ins letzte Jahrhundert gewohnt haben. Hier heisst jeder Chen und jeder ist stolz auf diesen Urahnen. Denn der war nicht nur reich und ein hoher Beamter, sondern schuf auch ein umfangreiches und noch heute berühmtes Wörterbuch der chinesischen Schriftzeichen. Das kann man sich ansehen, wenn man das entsprechende Museum in einem der Höfe anschaut.

Ich spaziere lieber durch die Gärten, denke an die jungen Mädchen, die hier hinter hohen Mauern ein abgeschiedenes Leben führten. Und ich bewundere die kleinen Löwenskulpturen an den Toren: kleine Löwen, die miteinander spielen, sich verfolgen und necken. Die Chinesen hatten schon damals viel Humor!

Nach dem Mittagessen geht es endlich weiter ins Dorf Guoyu. Hier ist man ganz im wörtlichen Sinne aus dem Häuschen: Wichtige Touristikfachleute besuchen das Dorf! Alle Dorfbewohner sind auf den Beinen. Auf dem großen Platz vor dem Tor, wo sonst ein bunter Markt aufgebaut ist, werden wir mit Trommelwirbel und einem fröhlichen Tanz begrüßt.

Am Rande sitzen die alten Frauen des Dorfes. Alle eigenartig gleich aussehend mit ihren geblümten Blusen, den dunklen Hosen und den kurzgeschnittenen Haaren. Es scheint, als ob sie nicht wüßten, was sie mehr bestaunen sollen: Das Häuflein westlicher Touristen, von denen sie sicherlich nicht viele im Jahr sehen, oder den Tanz. Die Kinder sind da ganz pragmatisch. Sie nehmen sich ihr Smartphone, bauen sich vor mir auf und knipsen drauf los. Für sie ist das alles ein riesiger Spaß und sie verfolgen uns auf Schritt und Tritt. 

Natürlich gibt es auch in Guoyu einen Tempel, den Tangdi Miao, eigentlich ein daoistischer Tempel, der der Ahnenverehrung dient. Es gibt keine Priester mehr. Während der unruhigen Zeiten der Kulturrevolution diente er als Sitz einer Behörde. Er liegt oberhalb des Dorfes und beherrscht das Tal. Nein, ich sehe keinen Priester. Doch überall sind Räucherstäbchen abgebrannt worden. Äpfel und Pfirsiche liegen auf den Altären. So wirkt der Tempel lebendig und wird anscheinend regelmäßig besucht.

Jetzt sind wir zusammen mit dem halben Dorf und drängen uns zusammen mit ein paar niedlichen kleinen katzen in den Höfen und Hallen des Tempels. Die Götterfiguren sind recht neu und bieten einen bunten Kontrast zu den alten dunklen Holzdecken und Balken. Es ist eine wundersame Versammlung von Göttern: Eine Statue der Guanyin, der weiblichen Verkörperung des Buddhas darf nicht fehlen. Denn die Göttin hilft den Frauen bei allen Fragen rund um’s Kinderkriegen. In einem großen Hof gibt es eine große Bühne mit neuen Vorhängen. Hier tummeln sich einige kleine Kätzchen. Ich bin ganz verliebt in die drolligen Kerlchen.

Plötzlich wird es am frühen Nachmittag dunkel. Bald prasselt ein heftiger Regen in die Höfe des Tempels. Die kleinen Kätzchen verstecken sich schnell unter der Bühne. Es blitzt und donnert. Bevor wir also ins Dorf zurück gehen, müssen wir warten, bis das Gewitter vorbei ist. Ich stehe in der Vorhalle des Tempels, bewacht von einer grimmig drein guckenden Wächterstatue. 

Endlich können wir weiter, hinunter ins Dorf. Die breite Straße hat sich in einen flachen Fluss verwandelt. Wieder müssen wir ein wenig warten. Doch die Dorfkinder haben Spaß an dem Wasser, schnell ist es wieder warm geworden. Sie springen, lachen und spritzen in dem Wasser, amüsiert beobachtet vom Rest der Dorfbevölkerung. Da ich sowieso nass bin, wage ich es, durch das seichte Wasser hinüber zum Dorf zu kommen.

Alle Aufmerksamkeit ist auf den Fluss und die westlichen Besucher gerichtet. Ich genieße es, alleine durch die engen Gassen des Dorfes zu gehen. In den Hauseingängen stehen einzelne Männer oder Frauen, die mich hinein winken. So lerne ich auch Frau Chen kennen. Ein paar Höfe weiter liegt der Wohnhof von dem Vater des Premierministers, ein einfaches Dorfhaus, das auch schon mehr als 500 Jahre alt sein soll. 

In fast jedem größeren Wohnhof gibt es eine Bühne. Das muss ein lustiges Leben früher gewesen sein!

Auch wir erleben eine Vorführung, ganz im Sinne der Vorstellung des Dorfes: Mit einem Volkslied werden alte bäuerliche Traditionen vorgestellt. Ein Mann bindet aus Reisern einen Besen, eine Frau spinnt feine Wolle. Es wird Mehl gemahlen und Getreide gestampft. Alles mit alten einfachen Geräten. Dazu spielt eine lustige Rentnerband auf ihren alten Instrumenten und singt fröhlich und laut. Ich fühle mich zurückversetzt ins alte China. Die Stimmung muss ähnlich gewesen sein, wenn sich die Einheimischen zu einem Fest trafen oder eine reisende Opern-Truppe ins Dorf kam. Alle sind begeistert. Die Kinder am meisten. Die tanzen zur Musik, gucken sich auch schon mal von ganz nahe das Spinnrad an. 

Ich kann kann mich gar nicht los reißen. Wohlige Schauer des Bewusstseins, eine andere Welt, ein authentisches China zu erleben, laufen mir den Rücken runter. Doch langsam mischen sich auch Kälteschauer drunter. Die Sonne geht langsam unter und es wird frisch. So viel erlebt heute! So viel gesehen! Jetzt brauche ich erstmal ein wenig Ruhe, um all dies zu verarbeitem. Müde lass ich mich in den Sessel des warmen Busses sinken. Ein Winken, ein Lächeln zurück. Da steht Frau Chen und grüßt ein letztes Mal.

Von Ulrike Hecker

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