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Grünes Gold: Teeernte auf Sri Lanka

Tauchen Sie ein in das Leben der Teepflückerinnen

Es ist schon erstaunlich! Mitten im Hochland Sri Lankas blickt man auf unzählige, saftig grüne Teesträucher und versucht sich vorzustellen, dass daraus, viele Arbeitsschritte später eine dampfend heiße Tasse Tee entsteht. So ganz gelingt das noch nicht. Taucht man aber tiefer in die Welt der Plantagen-Arbeiter und Teepflückerinnen ein, so erfährt man eine Menge über die Geschichte des Teeanbaus im ehemaligen Ceylon und die immer noch beschwerliche Arbeit, die hinter jedem einzelnen geernteten Teeblatt steckt.

Das Herz der Insel

Der etwas in die Jahre gekommen Zug fährt mit laut quietschenden Bremsen in den Bahnhof von Kandy ein. Ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg in das Hochland Sri Lankas, dem Herzen der grünen Insel im Indischen Ozean. Männer, Frauen und Kinder steigen ein und aus. Auch ein paar Touristen sind unter Ihnen. Generell herrscht ein reges Treiben auf dem Bahnsteig. Fliegende Händler verkaufen Proviant und Nüsse durch die Fenster des wartenden Zuges.

Schon beim Anfahren spürt man den Fahrtwind, der durch die offenen Zugtüren hereinweht und die Haare kräftig durcheinanderwirbelt. Das Rattern der Räder und Knattern der Sitze begleitet die gut dreistündige Fahrt bis nach Nuwara Eliya, der „Stadt des Lichtes“, die in einem der drei größten Teeanbaugebiete der Insel liegt.

Der Zug kämpft sich durch üppigen Regenwald, vorbei an Wasserfällen und kleinen Siedlungen, später durch eine Art Nadelwald und schließlich passiert er Flüsse und die ersten Teeplantagen. Dicht an dicht stehen die saftig grünen Sträucher und bilden durch ihre Anordnung wirklich sehenswerte graphische Linien und Muster. Mittendrin stechen bunte Farbklekse heraus. Teepflückerinnen in leuchtenden Saris gehen ihrer Arbeit nach. Einige von ihnen winken dem vorbeifahrenden Zug zu.

Ein Paradies für Briten

Nanu Oya ist der Bahnhof von Nuwara Eliya. Mit den tropisch warmen Temperaturen der Tiefebene hat das Hochland Sri Lankas nicht viel am Hut. Der Bahnsteig empfängt die Menschen hier mit geschätzt 17°C. Kein Wunder also, dass die Briten dieses Fleckchen Erde während der Kolonialzeit so sehr schätzen. Nicht nur, weil der Tee in diesem Klima so gut gedeiht, sondern weil man hier so wunderbar durchatmen kann. Weil es keine Mücken gibt. Und weil ein feiner, typisch englischer Sprühregen kein seltener Gast ist. Das mit dem Tee ist natürlich auch nicht schlecht, aber das war eigentlich reiner Zufall!

Der Teeanbau entstand mehr oder weniger aus der Not heraus, denn die Kolonialherren ließen hier im Hochland von Britisch-Ceylon eigentlich Kaffee anbauen. Nach Brasilien war die Insel im Indischen Ozean damals zweitgrößter Kaffeeproduzent der Welt. Dann das Unglück: die Kaffeepflanzen wurden von Schädlingen ausgerottet.

Zu dieser Zeit residierte der Schotte James Taylor im Hochland der Insel. Er experimentierte bereits seit längerem mit Teepflanzen und legte 1867 die erste kommerzielle Plantage an. Der Händler Thomas Lipton, ebenfalls Schotte, hatte nach dem Wegfall des Kaffees als Erster den richtigen Riecher. Er wurde offizieller Geschäftspartner Taylors und kaufte sich groß in den Teeanbau ein. „Lipton Tea“ wurde ein Riesenerfolg in Europa und findet sich auch heute noch in den Supermarktregalen. Obwohl die Teepflanze auf Sri Lanka also eigentlich gar nicht heimisch ist, so ist ihr das Klima der Insel doch äußerst wohlgesonnen und sorgt für üppiges Wachstum. Biologisch und wirtschaftlich.

Alles für den Export

Heutzutage werden jährlich rund 300 Millionen Kilogramm Tee geerntet. Damit ist Sri Lanka neben Kenia, China und Indien größter Tee-Exporteur der Welt. Das „Grüne Gold“ ist das wichtigste Exportgut des Landes, denn Tee macht circa 60% der Exporterlöse aus. Auf Sri Lanka wird so viel Tee wie möglich exportiert. Alles von Qualität kehrt der Insel den Rücken zu.

So befindet man sich auf Sri Lanka zwar mitten im Tee-Paradies, trinkt allerdings das, was bei der Weiterverarbeitung der Teeblätter übrigbleibt, rausfällt und zusammengekehrt in Beutel abgefüllt wird. „Dust“, zu deutsch „Staub“, ist das Teegetränk der Einheimischen. Die bittere Brühe wird mit viel Milch und Zucker serviert, oft auch mit ein paar Ingwerstückchen, und hat so gar nichts mit dem hochgelobten Schwarztee Sri Lankas gemein, der in Europa konsumiert wird.

Die Menschen hinter dem Tee

Die Teeernte ist fest in der Hand der Hochlandtamilen. Ihre Vorfahren wurden während der britischen Kolonialherrschaft als billige Arbeitskräfte aus Indien auf die Plantagen Sri Lankas gebracht. Lange hatten sie keinerlei Rechte, zwischenzeitlich sogar keinerlei Staatsbürgerschaft. Inzwischen sind sie anerkannter Teil der Bevölkerung Sri Lankas, doch leben sie hier im Hochland immer noch recht abgeschieden von der restlichen Inselwelt.

Tee ist die Lebensgrundlage der Hochlandtamilen. Die Männer arbeiten in einer der vielen Teefabriken. Von ihnen soll es circa 2.000 auf der Insel geben. Genau sagen kann das aber keiner hier. Außerdem sind sie als Plantagen-Arbeiter für den Anbau und den Zuschnitt der Teepflanzen verantwortlich. Die Frauen kümmern sich um die Teeernte. Das ist harte Arbeit, Knochenarbeit.

Die Frauen pflücken stets die zwei oberen beiden Blätter und die Knospe eines frischen Triebs. Die Körbe oder Säcke, in denen die Blätter und Blüten gesammelt werden, tragen die Tamilinnen auf dem Rücken, meist am Kopf fixiert. Plastikplanen, die über den Saris um die Hüften gewickelt sind, schützen vor den harten Zweigen und Ästen der Teepflanzen, die sich durch die Kleidung und in die Haut bohren wollen. Dazu die stets gebückte Haltung, die den Rücken schnell schmerzen lässt und die vielen Blutegel, die in den Regenpfützen auf Menschenblut warten. Trotz all den Widrigkeiten und Herausforderungen haben die Teepflückerinnen immer ein Lächeln auf den Lippen und eine nette Geschichte parat.

Mittelpunkt Teefabrik

Dreimal am Tag bildet sich eine lange Schlange vor den örtlichen Teefabriken. Die Teepflückerinnen stehen mit ihren vollen Körben und Säcken in der Schlange, um die Ernte wiegen zu lassen. Die Menge wird in einem kleinen Notizbuch vermerkt, das jede Arbeiterin mit sich trägt. Wer an mehr als 300 Arbeitstagen im Jahr täglich mehr als 12 Kilo erntet, verdient sich am Jahresende einen Bonus zu den umgerechnet 2,50€ Tageslohn. Deshalb feuchten einige Pflückerinnen ihre Teeblätter an, damit sie schwerer sind.

In Ausnahmefällen ernten auch Männer den Tee. Die „Silver Tips“ beispielsweise, wertvolle Knospen für den Weißen Tee, dürfen nur von Männern abgeknipst werden. Die Wertschöpfung des qualitativ hochwertigen Tees ist also fest in männlicher Hand. „Silver Tips“ ist nur einer der vielen Sortierungsgrade für den geernteten Tee. Ominöse Bezeichnungen wie „BOPF“ oder „FP“ etwa geben an, um welche Art Teeblätter es sich handelt. „Broken Orange Pekoe Fannings“ sind Schwarzteeblätter, alle etwa gleich groß und ohne Blüten. Bei „Flowery Pekoe“ wiederum handelt es sich um qualitativ hochwertigere und deutlich gröbere Blätter.

Nach getaner Arbeit macht sich jeder auf den Heimweg. Die Hochlandtamilen wohnen mit ihren Familien in kleinen Hütten in Dörfern mitten in den Teeplantagen. Die einfache und bescheidene Behausung zahlt die Teefabrik, den Strom liefert sie auch.

Ein Blick über den Teetassenrand

Sri-Lanka-Reisende können am eigenen Leib erfahren, wie beschwerlich die Teeernte sein kann. Im Hotel „The Tea Factory“ in Nuwara Eliya packen nämlich die Gäste an. Die alte und umgebaute Teefabrik verfügt über eine 10 Hektar große Teeplantage. Hier kann man eigens Tee pflücken und ihn in der angeschlossenen Mini-Teefabrik trocknen, fermentieren, scheiden, verpacken und mit nach Hause nehmen. Was sich zunächst nach einem äußerst originellen Souvenir anhört, bildet und öffnet die Augen über den anstrengenden Weg des Tees in die Tasse.

Nach diesem schweißtreibenden Erlebnis rückt der hohe Stellenwert von Fair-Trade Organisationen, die sich für gerechten Handel und gerechte Arbeitsbedingungen der Hochlandtamilen einsetzen, besonders stark in das eigene Bewusstsein. Bei all dem herzhaften Lachen der Menschen hier, lässt sich dennoch nicht leugnen, dass auf den Teeplantagen häufig sehr schlechte Arbeitsbedingungen herrschen. Plantagen-Arbeiter und Teepflückerinnen befinden sich in einem Teufelskreis aus Armut und Abhängigkeit von den Teefabriken.

Fair-Trade Organisationen setzen sich zum Beispiel für einen Mindestpreis für Ernten mit zusätzlicher Fair-Trade-Prämie ein. Diese Prämie können sie eigenständig in Projekte investieren, die der Dorfgemeinschaft zugutekommen, sei es in die Ausbesserung von Straßen, die Trinkwasserversorgung oder die Schulbildung ihrer Kinder. Ebenfalls wichtig ist die Förderung des biologischen Anbaus, um die Teeplantagen nachhaltig und hochwertig bewirtschaften zu können. Von den rund 300 Millionen Kilogramm Tee, die jedes Jahr in Sri Lanka produziert werden, sind nur 300.000 Kilogramm biologischer Tee. Das sind nur 0,1% der gesamten Produktion.

Wenn man die landschaftliche Schönheit der Teeplantagen im Hochland Sri Lankas hautnah erlebt und die mühevolle Arbeit der Teepflückerinnen mit eigenen Augen sieht, denkt man spätestens bei der ersten Tasse Schwarztee im heimischen Wohnzimmer über Anstrengungen nach, die diesem so simplen Genuss vorangehen und überdenkt das eigene Konsumverhalten. Eine Reise in das Hochland von Sri Lanka erweitert definitiv den Horizont!