Die Geisha: Kunstwerk und Kulturgut

Japan ist modern. Schnelle Züge, laute Karaokebars und leuchtende Reklametafeln dominieren das Stadtbild pulsierender Metropolen. Doch Japan kann auch anders. Leise und zurückgenommen verbergen sich hinter verschlossenen Türen der historischen Stadtviertel Teeräume und Kalligrafiestudios. Diese Welt beschwört vergangene Zeiten herauf und kann sich immer noch neben Westlichen Einflüssen und technischem Fortschritt behaupten. Diese Welt ist auch die Welt der Geishas. Es ist eine Welt der Schönheit, der Kunst und der Geheimnisse. Und in diese Welt tauchen wir ein.

Ein lebendiges Kunstwerk

Kleine Häuser, schmale Gassen, Holzfassaden und Bambusrollos, die den Blick durch die Fenster verwehren. Das ist das typische Erscheinungsbild der Hanamachis, die traditonellen Geisha-Viertel Japans. Sie sind Vergnügungsviertel, die allerdings in keiner Weise mit den Rotlichtvierteln der westlichen Welt zu vergleichen sind. Die Vergnügungen bestehen hier zum größten Teil aus Teezeremonien, Tanzvorführungen und gepflegter Konversation.

Geisha setzt sich aus den Worten „Gei“ und „Sha“, „Künste“ und „Person“ zusammen. Eine Geisha ist eine Künstlerin, die es versteht, das Leben und die eigene Person als vollkommenes Kunstwerk darzustellen. Teil dieses Kunstwerks ist das Perfekte Erlernen von Tanz, Gesang, Musik, Poesie, Kalligrafie, Konversation, Wortwitz, Ironie. Eine Geisha ist die idealisierte Vorstellung von Verhaltensweisen und Weiblichkeit. Dabei steht Kunstfertigkeit und Darstellung im Vordergrund, das Aussehen im Hintergrund. So definiert sich die Schönheit der Geishas, auf die sie sehr Stolz sind.

Ursprünglich wurde die Profession der Geishas von Männern ausgeübt. Im 17. Jahrhundert traten zum ersten Mal auch weibliche Geishas auf die Bildfläche, die die Männer nach und nach ganz ablösten. Es ist wichtig, zwischen Geishas und Kurtisanen zu unterscheiden. Geishas verkaufen ihre Fähigkeiten und nicht ihren Körper.

Eine Familienangelegenheit

Okiyas sind den Geishas gleichzeitig Wohn- und Lernstätte. Die traditionellen japanischen Holzhäuser sind meist ringförmig gebaut, sodass trotz der geringen Größe ein kleiner Garten in der Mitte das Hauses Platz findet. Im Inneren des Hauses finden sich Schlaf- und Speiseräume, Lernzimmer, Ankleiden und viele weitere Räume. Hier perfektionieren die Bewohnerinnen des Hauses ihr persönliches lebendiges Kunstwerk.

Die Okasan („Mutter“) ist die Besitzerin des Hauses und selbst eine ehemalige Geisha. Sie ist verantwortlich für eine Handvoll Geishas sowie drei oder vier Maikos, Geishas in Ausbildung. Männern ist das Betreten einer Okiya untersagt. Ausnahmen bilden männliche Dienstleister wie Ankleider oder Friseure.

Die Bewohner einer Okiya verstehen sich als Familie, auch wenn sie heutzutage nur in seltenen Fällen blutsverwandt sind. Die Hierarchie des Hauses ist klar geregelt. Stellung und Erfahrung müssen zu jeder Zeit respektiert, Bräuche und Regeln akzeptiert werden.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Okiyas befinden sich Ochayas. Die traditionellen Teehäuser sind Arbeitsstätten der Geishas und Maikos. Hier werden Gesellschaften wie Firmenveranstaltungen oder Familienfeiern ausgerichtet. Tanz, Gesang, gepflegte Konversation und andere Fähigkeiten der Geishas bereichern die Gesellschaften.

Kleider machen Geishas

Das Erscheinungsbild einer Geisha ist neben ihren Talenten der wichtigste Aspekt des Kunstwerks und unterliegt strengen Direktiven.

Das wichtigste Kleidungsstück einer Geisha ist der Kimono. Das traditionelle japanische Gewand wird mit einer speziellen Falttechnik um den Körper drapiert und mit einem sehr breiten Gürtel, genannt Obi, zusammengehalten. Die Enden des Obi hängen entweder den Rücken herunter (Maiko) oder sind zu einer Kastenform gebunden, die mit einer Art Kissen gepolstert ist (Geisha).

Muster, Material und Farbe der Kimonos unterscheiden sich je nach Jahreszeit. Im Frühjahr beispielsweise zieren Kirschblüten die Gewänder, im Sommer greifen Geishas auf leichte Baumwollstoffe zurück und in den Herbstmonaten werden vermehrt Kimonos in Rot, Orange und Gelb getragen.

Der Kragen am Rücken sitzt sehr tief. Der freie Blick auf den Nacken gilt in Japan als sehr betörend und ist wesentlich wichtiger als ein dekolletierter Ausschnitt. Maikos tragen rote Kragen, Geishas weiße. Der „Kragenwechsel“ ist ein wichtiges Symbol des Endes der Ausbildung.

Ebenso charakteristisch für Geishas sind die Tabi, weiße Socken, die den großen Zeh von den restlichen Zehen abtrennen, damit das Tragen der Okobo, hölzerner Plateau-Zehensandalen, erleichtert wird. Bei Maikos befinden sich im inneren Hohlraum der Okobo Glöckchen, die bei jedem Schritt klingen und damit das Mädchenhafte der Maikos unterstreichen sollen.

Die Frisur sitzt

Aufwendige Frisuren sind die Kronen der Geishas. Bei Maikos wird das eigene, meist hüftlange Haar genutzt, um eine Frisur aufzutürmen. Dies geschieht allerdings nur einmal pro Woche. Damit die Frisur trotzdem hält schlafen Maikos auf einer Nackenstütze, die nur mit einem kleinen Kissen versehen ist. Eine spezielle Paste garantiert zudem eine lange Haltbarkeit der wunderschönen aber sehr komplizierten Frisuren, die besonders bei Maikos zudem noch mit buntem Haarschmuck verziert wird, ebenfalls saisonal abgestimmt.

Geishas tragen Perücken, die individuell für sie hergestellt werden und rund 5000€ pro Modell kosten. Das schnelle Wechseln der Perücken erleichtert die Vorbereitung und erlaubt einen schnellen Wechsel der Haarpracht, zum Beispiel zwischen Tanzaufführungen. Anders als Maikos tragen Geishas nur wenig zusätzlichen Haarschmuck. Einzelne Haarnadeln und spitze Spangen dienten früher dem Schutz vor aufdringlichen Männern und werden auch heute noch getragen.

Ein Make-Up, das Glück bringt

Die weiße Farbe auf Gesicht, Hals und Nacken ist vermutlich das auffälligste Merkmal einer Geisha, denn während andere japanische Frauen zwar ebenfalls Kimonos tragen – wenn auch anders gefaltet – so ist das auffällige Make-Up Geisha-spezifisch.

Die Farben Weiß, Rot und Schwarz sind Glücksfarben. Die Haut wird mit weißer Farbe grundiert, mit Schwarz und Rot werden Akzente auf Augenbrauen, Lidern und Mund gesetzt. Ja älter die Geisha desto weniger Make-Up verwendet sie. Ihr Wissen und ihre Kunstfertigkeit sind bedeutender als auffälliges Make-Up. Innere Schönheit überstrahlt äußere.

Zwei oder drei Linien im Nacken blieben frei von weißer Grundierung. Bildlich gesehen hebt sich hier der „Schleier“ und lässt den Blick auf den betörenden Nacken teilweise frei werden. Das Gesicht hingegen wird gänzlich „verhüllt“.

Früher rief die weiße Paste nicht selten Bleivergiftungen hervor. Heute ist die Zusammensetzung unbedenklich. Die dicke Schicht allerdings behindert die Atmung der Haut und führt sichtbare Hautveränderungen herbei, die alte Geishas jedoch wie ein Ehrenabzeichen tragen.

Ein steiniger Weg

Die Ausbildung zur Geisha ist äußerst beschwerlich und kostspielig. Zwar werden diese Kosten von der Okasan vorgestreckt, trotzdem müssen sie alle Geishas zurückzahlen, bevor sie die Okiya verlassen dürfen, um auf eigenen Beinen zu stehen. In der Regel dauert das ein bis zwei Jahre nach Vollendung der Ausbildung.

Die Ausbildung selbst dauert vier bis fünf Jahre. Das unermüdliche Erlernen der Künste, des geschickten Binden eines Kimonos und des perfekten Auftragens des Make-Ups sind Vollzeitjobs. Zu viel Schlaf kommen Maikos nicht. Nach ihren langen Lehrtagen begleiten sie abends entweder Geishas auf Gesellschaften oder warten auf sie, um ihnen um 3 Uhr morgens beim Entkleiden zu helfen.

Nach dem ersten Ausbildungsjahr wird jeder Maiko eine Geisha oder eine erfahrenere Maiko zur Seite gestellt. Sie ist Ausbilderin, Vertraute und Vorbild zugleich. Der Bund mit der „Schwester“ wird mit einem alten japanischen Hochzeitsritual besiegelt. Beide trinken aus drei Sake-Bechern jeweils drei Schlucke. Der Tag der Zeremonie wird zuvor von einem Wahrsager bestimmt, damit sie auf einen besonders glücksreichen Tag fällt.

Das Hochzeitsritual ist ein bemerkenswertes Zeichen, da es einer Geisha verwehrt ist zu heiraten. Sie müssen zwar nicht asketisch Leben, dürfen allerdings nicht den Bund der Ehe eingehen. Der wird symbolisch mit ihrer „Schwester“ eingegangen, im übertragenen Sinn also mit der Geisha-Zunft selbst. Sollten sich Geishas dennoch einmal für die Ehe entscheiden, müssen Sie ihren Beruf aufgeben und können ihn selbst nach Scheidung nicht wiederaufnehmen.

Die Geisha in der Moderne

Früher waren Maikos Mädchen, die von ihren Eltern zur „Adoption“ freigegeben wurden – im Gegenzug einer Spende der Okiya versteht sich. Heute sind diese „Adoptionen“ natürlich tabu. Junge Mädchen entscheiden sich heute aus freiem Willen für den Geisha-Beruf.

Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum die Zahl der Geishas so drastisch gesunken ist. Um 1920 ging man von einer Zahl von über 10.000 allein in Tokyo aus. Heute sind es wohl weniger als 1.000 in ganz Japan. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Geishas früher Trendsetterinnen waren, nicht nur modisch. Heutzutage gelten sie stattdessen als Bewahrerinnen alter Traditionen. Sie sind Kulturschatz während die Trends anderswo gesetzt werden.

Die Japanerinnen, die sich trotzdem für den Weg der Geisha entscheiden, müssen bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllen. Sie müssen zwischen 15 und 17 Jahren alt sein, dürfen allerdings 1,60 Meter nicht überragen. Außerdem müssen sie eine Begeisterung für Japan und die japanische Kultur mitbringen, musikalisch und künstlerisch sein und auch einen gewissen Geschäftssinn an den Tag legen können. Die Vorstellung bei einer Okiya kann übrigens nur über Dritte erfolgen. Ein junges Mädchen darf nicht einfach an die Tür eines Geisha-Hauses klopfen. Beziehungen sind also schon bereits vor begonnener Ausbildung sehr wichtig.

Und sie werden immer wichtiger. Erfolgreiche Geishas leben ein eigenständiges Leben mit vollem Terminkalender, die viele Einladungen zu Gesellschaften erhalten. Die Gefragtesten unter ihnen sind bis zu sechs Monate im Voraus ausgebucht. Sie haben einen gewissen „Celebrity-Status“ und werden gerne von den Medien fotografiert.

Abseits ihres Berufs leben die meisten Geishas heutzutage wie andere japanische Frauen ein modernes Leben in eigenen Wohnungen. Sie leben mit ihren Lebensgefährten (nur eine Heirat beendet das Geisha-Dasein, einer Partnerschaft steht nichts im Wege) und tragen keine Kimonos und kein auffälliges Make-Up.

Es kann also durchaus sein, dass Sie einer Geisha auf der Straße begegnen, ohne es zu merken. Oder Sie begeben sich in ein Hanamachi, zum Beispiel in eines der fünf Geisha-Viertel der alten Kaiserstadt Kyoto. Dort stehen die Chancen ungemein höher, eine Geisha zu treffen. Auch wenn sich die Welt der Geishas zumeist geheimnisvoll hinter verschlossen Schiebetüren und heruntergelassenen Bambusrollos abspielt.