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Buddhas, Ballons, Bagan

Traumhafte Erlebnisse in Myanmars lebendiger Ruinenstadt

Akazien und Gräser so weit das Auge reicht. Der Nebel der frühen Morgenstunden legt sich langsam und enthüllt unzählige Pagoden und Stupas auf einer weiten Fläche, die das bloße Auge kaum erfassen kann. Ein einsames Mofa wirbelt den Staub einer sandigen Straße auf. Plötzlich durchdringt ein heißer Feuerstrahl die morgendliche Ruhe. Unser Heißluftballon macht sich bereit zum Abheben. Was uns rund 500 Fuß höher erwartet, ist ein unglaubliches Erlebnis. Wir erleben den Sonnenaufgang über der alten Ruinenstadt Bagan hautnah, quasi mittendrin und genießen einen der tollsten Ausblicke ganz Südostasiens. Dieses Erlebnis ist der krönende Abschluss unseres auch sonst sehr beeindruckenden Aufenthaltes in Bagan. Aber von vorne…

Aufstieg und Untergang einer Königsstadt

Bagan liegt direkt am Ayarwaddy, der wichtigsten Lebensader Myanmars. Unser Weg nach Bagan führt uns von Mandalay kommend per Dampfer stromabwärts auf dem großen Fluss. Während wir rund zehn Stunden lang gemächlich der bedeutenden archäologischen Anlage entgegenschippern, machen wir uns bewusst, das unzählige Handelsschiffe vor vielen Jahrhunderten den selben Fluss nutzen, um ihre Waren aus Indien oder Sri Lanka nach Bagan zu befördern.

Das Bagan von heute ist ein etwa 40 Quadratkilometer großes Areal mit über 2.000 unterschiedlich gut erhaltenen Tempeln. Neben Angkor Wat in Kambodscha ist Bagan die bedeutendste archäologische Anlage in Südostasien. Das allein ist beeindruckend! Noch viel beeindruckender aber muss das Bagan des 11. Jahrhunderts gewesen sein. Handelsstadt, frisch ernannte Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs und „Boomstadt“ – wie wir heute sagen würden.

Händler, Handwerker, Geistliche, Adelige, Gelehrte, Kulturelle – sie alle siedelten sich in Bagan an und trugen maßgeblich zur Blüte der mittelalterlichen Stadt bei, die rund 250 Jahre Friedenszeit erlebte. In dieser Zeit beauftragten die fromm buddhistischen Herrscher Bagans den Bau von Sage und Schreibe knapp 6.000 Tempeln, Pagoden und Klöstern. Immer mit dem Ziel vor Augen, mit Bagan eine Brücke zwischen Himmel und Erde zu schaffen.

Die Ironie dieses Schicksals? Der Wettlauf um die Gunst der Götter mündete letztendlich im Untergang der prachtvollen Königsstadt. Die horrenden Kosten für Bau und Betrieb der Tempelanlagen schwächten Bagan finanziell so stark, dass die Verteidigung bröckelte und Bagan von feindlichen mongolischen Völkern eingenommen wurde. Die Pracht und Bedeutung von einst bröckelte – im wahrsten Sinne des Wortes.

Leben zwischen Ruinen

Nachdem unser Schiff angelegt hat und wir unsere Unterkunft bezogen haben, erkunden wir Bagan mit einer Pferdekutsche. Alternativ kann man sich auch Elekroroller leihen und Bagan auf eigene Faust erkunden. Unser Kutscher erweist sich aber schnell als toller und lustiger Guide und bringt uns zielstrebig zu den Tempeln. Uns fallen spontan zwei Dinge auf. Erstens: Bagan ist unübersehbar eine Ruinenstadt. Zweitens: anders als andere Ruinenstädte ist dieses Fleckchen Erde aber ganz und gar nicht ausgestorben. Auf der weiten Fläche leben viele Bauern, die ganz traditionell ihre Felder bewirtschaften. Zwischen den altehrwürdigen Ziegelbauten weiden Ziegen und Ochsen, vollkommen unbeeindruckt ob ihrer geschichtsträchtigen Umgebung.

Auf den staubigen Wegen zwischen den Sakralbauten begegnen uns immer wieder Einheimische in traditioneller Tracht. Der Longyi ist ein einfacher Wickelrock, der sowohl von Männern als auch von Frauen getragen wird. Während die Longyis der Männer allerdings eher klassisch und gedeckt sind, greifen Frauen zu bunten Farben, Mustern und Verzierungen. Gepaart mit hochgekrempelten Hemden beziehungsweise Blusen macht die Tracht einen lässigen und gleichzeitig gar eleganten Eindruck. Statt in Kinderwägen werden Babys hier übrigens in Körben transportiert.

Besonders Frauen und Kinder tragen in ihrem Gesicht eine Art Kriegsbemalung. Das hat allerdings weniger mit Verwirrung möglicher Gegner im Angriffsfall zu tun, als mit der einfachen Tatsache, dass sie so ihre Haut vor der Sonne schützen. Unser Guide verrät uns, dass die weiß-gelbliche Paste aus der Rinde des Thanaka-Baumes gewonnen und mit Wasser vermischt wird. Zwar dient sie auch als eine Art Make-up, vor allem aber als kühlender und straffender Sonnenschutz. Wir halten am Straßenrand und kaufen an einem kleinen Stand etwas Thanaka für ein paar Kyat. Unser Guide versichert uns, wir seien mit Paste im Gesicht „very beautiful“. Dann kann es ja weitergehen!

Die Qual der Tempelwahl

Um die 6.000 Tempel waren es einst, rund 2.000 davon stehen heute noch. Plünderungen, natürlicher Verfall und ein großes Erdbeben im Jahr 1975 sind nur einige der Gründe des Tempelschwunds in Bagan. Die Tempel, die heute noch existieren, unterscheiden sich teilweise grundlegend. Manche bestehen aus kaum mehr als ein paar Ziegelsteinen, andere sind prunkvoll restauriert und das Land Myanmar strebt (bisher allerdings vergeblich) ihren UNESCO-Weltkulturerbestatus an.

Nun ist es natürlich utopisch, bei einem Aufenthalt in Bagan jeden einzelnen Tempel sehen zu können. Aber wie entscheidet man sich für die richtigen? Wir vertrauen unserem Guide, der uns eine gute Mischung aus Must-See-Tempeln und persönlichen Geheimtipps verspricht. Und genauso soll es in den nächsten Stunden auch kommen.

Der Ananda Tempel zum Beispiel ist einer dieser Tempel, die nach dem verheerenden Erdbeben 1975 wieder vollständig aufgebaut wurden. Schon von weiten erkennt man ihn an seinen auffälligen Turmspitzen, die 1991 zum 900. Jubiläum des Tempels vergoldet wurden. Dieser Tempel ist einer der touristisch geprägten Tempel Bagans. In seinem Inneren finden wir sogar einen kleinen Markt. Einheimische erzählen uns gegen eine kleine Spende alles Wissenswerte über den Tempel. Das ist übrigens Gang und Gebe bei allen großen, touristischen Tempeln Bagans. Die selbsternannten Tempel-Guides sind aber, ganz typisch für Myanmar, unglaublich freundlich und herzlich in ihrer Art, sodass diese Gepflogenheit nicht allzu lästig ist. So erfahren wir beispielsweise, dass der Name des Tempels auf Buddhas Cousin und langjährigen Weggefährten Ananda zurückgeht.

Der Thatbyinnyu Tempel liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Ananda Tempels. Mit 61 Metern ist er das höchste Sakralgebäude Bagans. Trotz Lage und Größe verirren sich nur wenige Touristen hierher, sodass wir Thatbyinnyu praktisch ganz allein erkunden können. Und genau das ist die Mischung, die unser Guide angekündigt hat. Unsere Kutsche hält bei stark und weniger stark frequentierten Tempeln, wir bewundern unzählige Buddhas und Fresken und sind immer wieder überwältigt von dem schieren Ausmaß des Areals. Und wenn wir ehrlich sind, sehen irgendwann alle Tempel auch ein wenig gleich aus – auch wenn man das als kulturinteressierter Reisende wohl nur ungern zugibt. Die eintretende Dämmerung verspricht aber ein wahrlich einmaliges Erlebnis zum Abschluss unseres Tempel-Tages.

Majestätischer Sonnenuntergang

Den Sonnenuntergang in Bagan erlebt man am besten auf einem der zahlreichen Tempel. Unser Guide bringt uns zielstrebig zu einem kleinen Tempel, den wir tatsächlich ganz für uns allein haben. Bevor wir das Naturschauspiel erleben können, müssen wir allerdings erst einmal die Steinstufen erklimmen; ein Unterfangen, das eine gewisse Schwindelfreiheit voraussetzt. Auf den Tempeln kann es unter Umständen durchaus luftig und wackelig sein.

Die Belohnung aber ist grandios! Der Sonnenuntergang in Bagan wird jeder Postkarte und jedem Bildband gerecht. Wir genießen den Ausblick über die weite Fläche und die Tempel, die intensivem Rot und Gold strahlen, bevor die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet und Bagan in Schatten hüllt.

Eigentlich wollen wir hier gar nicht mehr weg, doch in unserer Unterkunft wartet unser Bett und wir wissen schon jetzt, dass der Wecker am nächsten Tag ganz, ganz früh klingeln wird.

Über den Wolken

Der Wecker klingelt. Es ist ganz, ganz früh morgens. Eigentlich viel zu früh, aber unser nächster Programmpunkt lockt uns dann doch aus dem Bett. Um kurz nach 6 Uhr erreichen wir auf ein großes Feld, auf dem bereits mehrere Heißluftballons von „Balloons over Bagan“ startklar gemacht werden. Kaffee, Tee und Kekse machen müde Myanmarreisende munter und die Lebensgeister kommen spätestens dann zurück, als wir nach kurzer Sicherheitseinweisung in den großen Korb klettern.

Wir sind startklar, der Ballon hebt langsam ab und gewinnt schnell an Höhe. Genau wie die Sonne. Die Aussicht auf die anderen Ballons im Luftraum, der Überblick über das riesige Areal bis hin zum Ayarwaddy und der Ausblick auf die vielen kleinen und großen Tempel ist atemberaubend. Die aufgehende Sonne wirkt tatkräftig mit und lässt die Tempel in einem wunderschönen goldenen Licht erstrahlen. Hier oben wird klar, warum Myanmar auch „Das Land der goldenen Pagoden“ genannt wird.

Nach ungefähr einer Stunde landen wir wir wieder sicher und werden sogleich mit einem reichhaltigen Frühstück mit Croissants und frischen Früchten verwöhnt. Wir stoßen mit einem Glas Sekt auf diesen wunderbaren Abschluss eines tollen Aufenthaltes in Bagan an.