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5 Dinge, die ich in Vietnam lernte

1. Ein Kulturschock ist manchmal gar nicht so schockierend

Das erste Mal Asien. Ich hörte von ungewohntem Essen, außergewöhnlichen Traditionen, einem unvermeidlichen Kulturschock. Angst machte mir die Fremde jedoch nicht, im Gegenteil: Neugierig las ich viel über Land und Leute und machte mich auf alles gefasst. Vor Ort machte sich die gute Vorbereitung bezahlt. Natürlich überraschten mich die dicken Stromkabel, die kreuz und quer in Hanois Vororten über unseren Köpfen hingen, der verrückte Straßenverkehr, die Art des Wohnens, die Art des Essens (denn es gibt geschmacklich kaum Tabus – Hundefleisch inklusive), die Friseure auf der Straße oder der Viehmarkt von Bac Ha in Vietnams hohem Norden. Schockierend waren diese Erlebnisse für mich jedoch nicht. Sie eröffneten mir eine neue Sicht auf die Dinge und zeigten wieder einmal, dass das was wir kennen, nicht das Einzige und einzig Richtige ist.

Als bestes Einsteigerland für Asien-Reisende wird oft Thailand genannt, aber Vietnam bietet eine ebenso angenehme Balance für Anfänger wie mich: Eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur, Reiseleiter mit guten Englisch- und sogar Deutschkenntnissen, ein hohes Maß an Sicherheit auf der einen Seite, eine Prise Ursprünglichkeit und authentisches Leben auf der anderen Seite. Diese Rezeptur macht Vietnam zu einem spannenden Reiseziel.

2. Das Genie überblickt das Chaos – Vietnamesen müssen Genies sein!

Altstadt Hanoi. Ich stehe mit meiner kleinen Reisegruppe am Straßenrand. Seit gerade einmal drei Stunden sind wir nun in Vietnam und schon jetzt mittendrin! Knatternd und hupend bahnt sich eine Lawine aus Rollern den Weg durch die engen Straßen. Wie viele das wohl sind? Fünfzig, hundert – schon lange habe ich den Überblick verloren. Das erste Abenteuer in Vietnam beginnt: die Straße überqueren! Was einfach klingt wird hier zur echten Herausforderung. „Ihr müsst einfach gehen. Nicht anhalten, nicht laufen. Langsam immer weiter gehen.“, erklärt unser Reiseleiter Huy. Ich atme einmal tief durch und setze meinen Fuß auf die Straße. Schritt um Schritt wagen wir uns hinüber. Und siehe da: Die Roller umfahren uns geschickt, kein Fuß – oder schlimmeres – wird plattgefahren und wir erreichen das Café auf der anderen Seite. „Seht ihr? Es funktioniert!“, lacht Huy. Da hat er Recht!

Dass der Straßenverkehr in Saigon noch chaotischer sein könnte, hätte ich nicht gedacht. Doch die zähflüssige Rollerlawine ist in der 11 Millionen Metropole dreimal so groß. Straßen überqueren können wir jetzt, Zeit für eine größere Herausforderung: hinten auf einer Vespa mitfahren! Ohje, traue ich mich das? Bevor ich die Antwort auf diese Frage weiß, habe ich einen Helm auf dem Kopf und sitze hinter meinem vietnamesischen Vespafahrer. Den ratternden Motor angeschmissen und rein in das Getümmel. Nervenkitzel pur! Nach den ersten Kurven ist von Angst jedoch keine Spur mehr. Was bleibt ist endloser Spaß und eine Stadtführung der ganz besonderen Art.

3. Offene Türen sind so selbstverständlich wie offene Herzen…

Abseits jeglichen Trubels und moderner Metropolen stapfen wir durch ein kleines Dorf. Ein Hahn kräht, eine Frau trennt in ihrem großen Sieb Reis von seiner Schale, Kinder winken uns von einer Haustür aus zu. Wir laufen an einem der Häuser aus Lehm und Holz vorbei, als eine ältere Frau das Wäscheaufhängen unterbricht und unseren Reiseleiter anspricht. Die beiden unterhalten sich. Unser Guide zeigt dabei auf uns und im Gesicht der Dame macht sich ein großes Lächeln breit. Sie winkt uns zu sich und geht ins Haus.

„Sie lädt uns zu sich ein. Sie freut sich über ausländische Gäste, denn für sie ist es eine Ehre, uns ihr Haus zu zeigen.“, erklärt Huy, als wir das Haus betreten. Man steht – wie hier üblich – direkt im Wohnzimmer, das auch als Schlaf- und Allzweck-Raum genutzt wird. Angrenzend zwei Nebenräume mit Kochstelle und Toilette, über uns ein Dachboden, auf dem riesige Reissäcke und Maiskolben lagern. Spontan holt die Dame des Hauses Stühle heran und schenkt uns Tee ein – wer möchte, bekommt einen von ihr gebrannten Maisschnaps. Stolz zeigt sie uns ihr Hab und Gut und erzählt von früheren Zeiten. Es ist bereits das dritte Mal, dass wir spontan bei jemandem im Haus sitzen, Tee schlürfen und Einblick in das tägliche Leben der Bevölkerung gewinnen dürfen. Zum Glück haben wir Huy, der uns dies ermöglicht. Ich lernte also eine weitere „Reise-Lektion“: Ein guter Reiseleiter ist mehr als nur die halbe Miete für besondere Reiseerlebnisse!

Als wir nach einer Stunde das Haus verlassen, gibt sie jedem die Hand. Mich drückt sie jedoch ganz überraschend fest an sich und streicht über mein Haar. Sie sehe selten blonde Menschen, erklärt mir der Reiseleiter. An diesem Tag erlebten also nicht nur wir eine besondere Begegnung…

4. Kaffee, Fisch & Frühlingsrolle – der kulinarische Himmel liegt vermutlich in Vietnam

Vietnam ist Land des Kaffees. Hätten Sie das gewusst? Das asiatische Land ist zweitgrößter Kaffeeexporteur und ganz vernarrt in das koffeinhaltige Getränk. Tropfen um Tropfen träufelt der dickflüssige, tiefschwarze vietnamesische Kaffee durch ein metallenes Sieb in die Tasse. Er ist sehr stark, aber köstlich. Wer den Wachmacher lieber in abgeschwächter Variante trinkt sollte sich in Hanoi das trendige „ca phe sua chua“ bestellen: Kaffee mit kaltem Joghurt – klingt seltsam, schmeckt aber unheimlich lecker und erfrischend! Ich hörte außerdem von Kaffee mit rohem Eigelb oder Sojapudding, bin jedoch leider nicht in den Genuss gekommen, diese Exoten zu kosten (für mich ein Grund mehr, für eine erneute Vietnam-Reise).

Ich gebe zu, ich habe vor meiner Reise noch nie vietnamesisch gegessen – thailändisch, chinesisch, indisch – aber nie vietnamesisch. Ein großer Fehler! Die örtliche Küche bietet allerlei Geschmackserlebnisse und Überraschungen. Thailändische, indische und französische Einflüsse treffen in Vietnam aufeinander und vereinen sich mit lokalen Traditionsgerichten zu einem wahren Gaumenschmaus. Vorteil gegenüber der Nachbarländer ist, dass hier zwar mit vielen Kräutern, aber weniger mit scharfen Gewürzen abgeschmeckt wird, was dazu führt, dass Vietnam-Reisende selten über Magenbeschwerden klagen. Phở (Suppe aus Brühe mit Gemüse und Reisnudeln) mit einem frischen Kokosnuss- oder Wassermelonensaft zum Frühstück, Sommerrollen mit Garnelen als leichtes Mittagessen und zum Abendessen füllen Schüsseln mit verschiedenen Fleisch-, Fisch- und Gemüsegerichten, die man mit Reis in Fischsauce dippt, meist den gesamten Tisch aus. Der einzige Nachteil: Bevor ich alle 1001 Köstlichkeiten gekostet habe, bin ich schon wieder satt…

5. Man nimmt viel mehr mit nach Hause als Dinge und Fotos…

Vom hohen Norden in den tropischen Süden: Innerhalb von zwei Wochen stand ich wenige Schritte entfernt von China in Lao Cai und wechselte im Regenwald des Mekongdeltas vom Fahrrad ins Boot. Ich wandelte zwischen andächtiger Stille der Tempel und hupenden Rollern in Hanois Altstadt, blickte von unten zu Wolkenkratzern hinauf und von hoch oben auf Saigon hinab. Im bergigen Sapa fand ich mich inmitten grüner Reisterrassen und in Dörfern abseits jeglicher Touristen wieder. Ich trank Tee mit einem Vietcong-Soldaten, einer Schneiderin und einem LKW-Fahrer, beobachtete am Mekong flinke Hände in der Ziegelfabrik, einer Kokosnussmanufaktur und dem Familienbetrieb für Reisnudelherstellung. Ich rollte Frühlingsrollen und schlenderte über Märkte, kaufte Mitbringsel und schoss Fotos…

Doch was ich wirklich mitnahm: Herzlichkeit und Freude, die mich stets überall empfing, überraschende Begegnungen am Rande meines Weges und Orte, die unvergessliche Geschichten erzählten – Erinnerungen, die ich in meinem Herzen mit nach Hause nahm und die mich seither begleiten.

Miriam Lipinski